FAQ Trans­plan­ta­ti­ons­me­di­zin

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Die Trans­plan­ta­ti­on von Or­ga­nen ist eine evi­den­z­ba­sier­te The­ra­pie für Pa­ti­en­tin­nen und Pa­ti­en­ten mit un­heil­ba­rem Or­gan­ver­sa­gen. Die Trans­plan­ta­ti­ons­me­di­zin ret­tet Leben und ver­bes­sert die Le­bens­qua­li­tät der Or­gan­emp­fän­ge­rin­nen und -​empfänger nach­hal­tig. Sie ba­siert dar­auf, dass Men­schen ein­an­der hel­fen wol­len und kön­nen. Auf die­ser Seite wer­den recht­li­che, me­di­zi­ni­sche und ethi­sche Fra­gen zur Trans­plan­ta­ti­ons­me­di­zin ge­klärt.

Sind Or­gan­spen­den von ver­stor­be­nen Per­so­nen über­haupt nötig?

Eine Spen­de durch eine le­ben­de Per­son ist nur bei we­ni­gen Or­ga­nen mög­lich, na­ment­lich z. B. Niere oder ein Teil der Leber. Will man alle The­ra­pien der Trans­plan­ta­ti­ons­me­di­zin er­mög­li­chen, braucht es Or­ga­ne von Per­so­nen, die diese nach dem Tod spen­den. In der Schweiz er­hal­ten ca. 450 Men­schen pro Jahr ein oder meh­re­re Or­ga­ne einer ver­stor­be­nen Per­son.

 

 

Wo fin­den sich die recht­li­chen Grund­la­gen für die Or­gan­trans­plan­ta­ti­on?

Die recht­li­chen Grund­la­gen schafft das Trans­plan­ta­ti­ons­ge­setz (ge­nau­er: Bun­des­ge­setz über die Trans­plan­ta­ti­on von Or­ga­nen, Ge­we­ben und Zel­len), das seit 2007 in Kraft ist. Es ba­siert auf Ar­ti­kel 119a der Bun­des­ver­fas­sung, der von Volk und Stän­den im Jahr 1999 deut­lich an­ge­nom­men wurde. Zum Ge­set­zes­text

 

 

Wieso gab es im Mai 2022 eine Ab­stim­mung über die Or­gan­spen­de?

Die Schweiz hat eu­ro­pa­weit eine der tiefs­ten Or­gan­spen­de­quo­ten. Mit dem Ziel, die An­zahl ge­spen­de­ter Or­ga­ne zu er­hö­hen, wurde 2019 die Volks­in­itia­ti­ve «Or­gan­spen­de för­dern – Leben ret­ten» ein­ge­reicht. Diese for­dert die Ein­füh­rung der so­ge­nann­ten Wi­der­spruchs­lö­sung. Sie re­gelt je­doch die Rech­te der An­ge­hö­ri­gen nicht. Bun­des­rat und Par­la­ment leh­nen die In­itia­ti­ve aus die­sem Grund ab und schla­gen eine er­wei­ter­te Wi­der­spruchs­lö­sung vor, bei der die An­ge­hö­ri­gen mit­ent­schei­den. Gegen das re­vi­dier­te Ge­setz wurde das Re­fe­ren­dum er­grif­fen. Aus die­sem Grund konn­te das Volk dar­über ab­stim­men.

 

 

Worum ging es bei der Ab­stim­mung in­halt­lich?

Kern des re­vi­dier­ten Trans­plan­ta­ti­ons­ge­set­zes ist der Wech­sel von der Zustimmungs-​ zur Wi­der­spruchs­lö­sung (Er­klä­run­gen zu die­sen Mo­del­len vgl. unten). Zudem ver­pflich­tet das über­ar­bei­te­te Ge­setz den Bund zu zwei Auf­ga­ben: Ers­tens die Be­völ­ke­rung um­fas­send und ver­ständ­lich über die Wi­der­spruchs­lö­sung zu in­for­mie­ren. Und zwei­tens ein zen­tra­les Re­gis­ter zu schaf­fen, in dem jede und jeder den eig­nen Wil­len für oder gegen eine Or­gan­ent­nah­me fest­hal­ten kann.

 

An­de­re The­men der Trans­plan­ta­ti­ons­me­di­zin – etwa die Fest­stel­lung des Todes im Hin­blick auf eine Spen­de oder die Zu­tei­lungs­kri­te­ri­en der ge­spen­de­ten Or­ga­ne – waren nicht Ge­gen­stand der Ab­stim­mung.

 

 

Bei wem ist eine Or­gan­ent­nah­me nach dem Tod mög­lich?

Es kommt sehr sel­ten vor, dass eine Per­son, die am Le­bens­en­de ihre Or­ga­ne spen­den möch­te, nach ihrem Tod ef­fek­tiv in einer dafür ge­eig­ne­ten Si­tua­ti­on ist. Bei 99 Pro­zent der Ver­stor­be­nen ist eine Spen­de aus me­di­zi­ni­schen Grün­den nicht mög­lich. Für eine Or­gan­spen­de in Frage kom­men nur Per­so­nen, die auf einer In­ten­siv­sta­ti­on ster­ben bzw. bei denen sich nach An­kunft in der Not­fall­sta­ti­on des Spi­tals ab­zeich­net, dass die Be­hand­lung aus­sichts­los ist. Ärz­tin­nen und Ärzte sind ge­setz­lich ver­pflich­tet, bei Ster­ben­den oder Ver­stor­be­nen, bei denen eine Or­gan­ent­nah­me mög­lich wäre, die Frage nach einer Or­gan­spen­de zu stel­len.

 

 

Wer be­stimmt, ob Or­ga­ne ent­nom­men wer­den dür­fen?

Im Ide­al­fall die ver­stor­be­ne Per­son, indem sie zu Leb­zei­ten ihren Wil­len für oder gegen eine Spen­de ge­äus­sert hat. Eine Or­gan­ent­nah­me ist nur zu­läs­sig, wenn sie dem be­kann­ten oder dem von den An­ge­hö­ri­gen ver­mu­te­ten Wil­len der ver­stor­be­nen Per­son ent­spricht (mut­mass­li­cher Wille). Hat eine ver­stor­be­ne Per­son ihren Wil­len nicht ge­äus­sert, müs­sen die An­ge­hö­ri­gen ent­schei­den. Sind keine An­ge­hö­ri­gen er­reich­bar, dür­fen keine Or­ga­ne ent­nom­men wer­den. Dies gilt so­wohl bei der Zustimmungs-​ wie bei der Wi­der­spruchs­lö­sung.

 

 

Was be­deu­tet die heute gül­ti­ge «er­wei­ter­te Zu­stim­mungs­lö­sung» bei der Or­gan­spen­de?

Ge­mäss ak­tu­ell gel­ten­dem Trans­plan­ta­ti­ons­ge­setz ist eine Or­gan­ent­nah­me zu­läs­sig, wenn eine Zu­stim­mung der ver­stor­be­nen Per­son vor­liegt oder die nächs­ten An­ge­hö­ri­gen einer Or­gan­spen­de zu­stim­men. Eine feh­len­de Er­klä­rung der ver­stor­be­nen Per­son wird weder als Ab­leh­nung noch als Zu­stim­mung zur Spen­de ge­wer­tet. In die­ser Si­tua­ti­on ent­schei­den die An­ge­hö­ri­gen ge­mäss dem mut­mass­li­chen Wil­len über die Or­gan­spen­de.

 

 

Was be­deu­tet die «er­wei­ter­te Wi­der­spruchs­lö­sung», über die am 15. Mai 2022 ab­ge­stimmt wurde?

Das re­vi­dier­te Trans­plan­ta­ti­ons­ge­setz schlägt vor: Wer seine Or­ga­ne nicht spen­den möch­te, soll dies zu Leb­zei­ten fest­hal­ten. Eine feh­len­de Er­klä­rung der ver­stor­be­nen Per­son wird grund­sätz­lich als Zu­stim­mung zur Spen­de ge­wer­tet. Die nächs­ten An­ge­hö­ri­gen müs­sen je­doch immer bei­gezo­gen wer­den um zu klä­ren, ob diese Mut­mas­sung stimmt. Die An­ge­hö­ri­gen leh­nen eine Or­gan­spen­de ab, wenn sie wis­sen oder ver­mu­ten, dass dies dem Wil­len der ver­stor­be­nen Per­son ent­spre­chen würde.

 

 

Wieso schla­gen Bun­des­rat und Par­la­ment die Ein­füh­rung der Wi­der­spruchs­lö­sung vor?

Heute ist in Si­tua­tio­nen, in denen eine Or­gan­spen­de nach dem Tod me­di­zi­nisch mög­lich wäre, der Wille der Ver­stor­be­nen oft nicht be­kannt. Ken­nen die An­ge­hö­ri­gen den Wil­len nicht, leh­nen sie eine Spen­de meis­tens ab. Da ge­mäss Um­fra­gen die Mehr­heit der Schwei­zer Be­völ­ke­rung Or­ga­ne spen­den möch­te, scheint die ak­tu­el­le Re­ge­lung dazu zu füh­ren, dass dem Wil­len zu­guns­ten einer Spen­de teil­wei­se nicht ent­spro­chen wird.

 

Mit dem Wech­sel zur er­wei­ter­ten Wi­der­spruchs­lö­sung soll zu­künf­tig bes­ser si­cher­ge­stellt sein, dass die Or­ga­ne von Men­schen, die nach ihrem Tod spen­den möch­ten, ef­fek­tiv trans­plan­tiert wer­den. Zudem dürf­te dank der Ein­füh­rung eines vom Bund ge­führ­ten Re­gis­ters bes­ser be­kannt sein, wer seine Or­ga­ne nicht spen­den will. Das heisst, dass auch we­ni­ger Ver­stor­be­ne un­ge­wollt zu Spen­de­rin­nen und Spen­dern wer­den, weil ihre An­ge­hö­ri­gen eine fal­sche An­nah­me tref­fen.

 

 

Wer­den bei Ein­füh­rung der Wi­der­spruchs­lö­sung alle au­to­ma­tisch und un­ge­fragt zur Or­gan­spen­de­rin bzw. zum Or­gan­spen­der?

Diese Schluss­fol­ge­rung ist nicht zu­läs­sig. Jede und jeder kann sich zu Leb­zei­ten zu die­sem Thema äus­sern und eine Ab­leh­nung der Or­gan­spen­de schrift­lich fest­hal­ten oder den An­ge­hö­ri­gen mit­tei­len. Bei nicht ge­äus­ser­tem Wi­der­spruch wer­den immer die An­ge­hö­ri­gen ge­fragt. Wis­sen oder ver­mu­ten diese, dass die ver­stor­be­ne Per­son eine Spen­de ab­ge­lehnt hätte, wird die­sem Wil­len ent­spro­chen. Sind keine nächs­ten An­ge­hö­ri­gen vor­han­den oder er­reich­bar, ist die Or­gan­ent­nah­me nicht er­laubt.

 

 

Wo wird der Wille fest­ge­hal­ten, ob je­mand Or­ga­ne spen­den möch­te oder nicht?

Ak­tu­ell und auch in Zu­kunft kann die Zu­stim­mung oder Ab­leh­nung z. B. in einer Pa­ti­en­ten­ver­fü­gung oder einem Organspende-​Ausweis fest­ge­hal­ten wer­den. Das re­vi­dier­te Ge­setz ver­pflich­tet den Bund zudem dazu, ein zen­tra­les Re­gis­ter zu schaf­fen. Darin kann jede Per­son ein­tra­gen, ob sie eine Or­gan­spen­de nach dem Tod ab­lehnt oder Or­ga­ne  spen­den möch­te (und wenn ja: wel­che). Der Ein­trag kann je­der­zeit ge­än­dert wer­den. Es gibt keine Pflicht zum Ein­trag. Wer seine Selbst­be­stim­mungs­rech­te wahr­neh­men möch­te, hat mit dem Re­gis­ter eine Mög­lich­keit dazu.

 

 

Wer­den mit der Wi­der­spruchs­lö­sung mehr Or­ga­ne ge­spen­det als mit der Zu­stim­mungs­lö­sung?

Meh­re­re Län­der, die die Or­gan­spen­de mit der Wi­der­spruchs­lö­sung re­geln, wei­sen hö­he­re Spen­de­ra­ten auf als die Schweiz. Ein Wech­sel zur Wi­der­spruchs­lö­sung bie­tet ein ge­wis­ses Po­ten­zi­al, dass die Zah­len stei­gen. Eine Ga­ran­tie dafür gibt es je­doch nicht.

 

 

Än­dert sich die Rolle der An­ge­hö­ri­gen beim Wech­sel zur Wi­der­spruchs­lö­sung?

Der Ein­be­zug der An­ge­hö­ri­gen bleibt in jedem Fall Pflicht, das Ge­spräch mit den An­ge­hö­ri­gen muss ge­sucht wer­den. Bei der heute gel­ten­den er­wei­ter­ten Zu­stim­mungs­lö­sung lau­tet die Frage: «Den­ken Sie, dass die Zu­stim­mung zur Or­gan­ent­nah­me dem Wil­len der ver­stor­be­nen Per­son ent­spre­chen würde? Woll­te Ihre An­ge­hö­ri­ge Or­ga­ne spen­den?»

 

Wird das Wi­der­spruchs­mo­dell ein­ge­führt und hat der Bund seine In­for­ma­ti­ons­pflicht wahr­ge­nom­men, kann künf­tig ge­fragt wer­den: «Wir fin­den kei­nen ab­leh­nen­den Ein­trag. Wis­sen oder ver­mu­ten Sie, dass die Per­son nicht spen­den möch­te?» Wenn die An­ge­hö­ri­gen der Mei­nung sind, dass der ver­stor­be­nen Per­son die Wi­der­spruch­re­ge­lung be­kannt war und keine Ab­leh­nung vor­liegt, kann davon aus­ge­gan­gen wer­den, dass die ver­stor­be­ne Per­son mit einer Spen­de ein­ver­stan­den ist.

 

 

Ver­letzt die Wi­der­spruchs­lö­sung Grund­rech­te?

Jede Per­son kann selbst be­stim­men, was nach dem Tod mit ihrem Kör­per ge­sche­hen soll. Das gilt auch für die Or­gan­spen­de und bleibt auch bei der Wi­der­spruchs­lö­sung der Fall: Jede und jeder hat das Recht, eine Or­gan­spen­de ab­zu­leh­nen und die­sen Wil­len fest­zu­hal­ten.

 

Wenn die­ses Recht nicht wahr­ge­nom­men wurde, muss im Ge­spräch mit den An­ge­hö­ri­gen er­ar­bei­tet wer­den, was am wahr­schein­lichs­ten dem Pa­ti­en­ten­wil­len ent­spre­chen würde. Die­ser mut­mass­li­che Pa­ti­en­ten­wil­le muss re­spek­tiert wer­den.

 

Zur Frage, ob die Wi­der­spruchs­lö­sung Grund­rech­te oder Per­sön­lich­keits­rech­te ver­letzt, hat auch das Bun­des­ge­richt Stel­lung ge­nom­men. Es hält fest, dass diese Re­ge­lung keine Ver­let­zung der Grund­rech­te dar­stellt und stuft die er­wei­ter­te Wi­der­spruchs­lö­sung als ver­hält­nis­mäs­sig ein auf­grund des öf­fent­li­chen In­ter­es­ses an po­ten­zi­ell hö­he­ren Spen­de­zah­len.

 

 

Was sagt die Ethik zur Trans­plan­ta­ti­ons­me­di­zin?

Die Trans­plan­ta­ti­ons­me­di­zin ba­siert auf der Grund­idee, dass Men­schen sich ge­gen­sei­tig hel­fen wol­len und kön­nen. Sie ret­tet Leben und ver­bes­sert die Le­bens­qua­li­tät Schwerst­kran­ker nach­hal­tig. Damit ent­spricht sie dem medizin-​ethischen Grund­prin­zip des Hel­fens und der Für­sor­ge. Die Pro­zes­se der Trans­plan­ta­ti­ons­me­di­zin sind so zu ge­stal­ten, dass auf Spender-​ wie auf Emp­fän­ger­sei­te die kör­per­li­che In­te­gri­tät ge­wahrt wird.

 

Die Trans­plan­ta­ti­ons­me­di­zin muss unter Ein­hal­tung aller medizin-​ethischen Grund­prin­zi­pi­en er­fol­gen, na­ment­lich der Ge­rech­tig­keit, dem Nicht-​Schaden-Prinzip und der Re­spek­tie­rung der Au­to­no­mie. Letz­te­res meint ins­be­son­de­re die Re­spek­tie­rung des Wil­lens der ver­stor­be­nen Per­son für oder gegen eine Or­gan­spen­de.

 

So­wohl mit der er­wei­ter­ten Zustimmungs-​ wie mit der er­wei­ter­ten Wi­der­spruchs­lö­sung ist die Ein­hal­tung die­ser ethi­schen Grund­sät­ze mög­lich.

 

 

 

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lic. theol., Dipl.-Biol. Si­byl­le Acker­mann
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